Aus Betrieb und Gewerkschaft

Ein Interview der autonomen Zeitung barricada mit der organisierten autonomie (OA) und dem Netzwerk Betriebsarbeit:

Perspektive
Klassenk ampf
warum, wo und wie..

Der Angriff auf die ArbeiterInnenklasse und der Abbau des Sozialstaates sind in vollem Gange. Sozialdemokratie und Grüne forcierten die neoliberale Variante des Kapitalismus, die Vorschläge aus den Hartz- und Rürup-Kommissionen warten auf ihre Umsetzung und mit der Agenda 2010 soll die Ausweitung prekärer Arbeitsverhältnisse, massive Einschnitte im Kündigungsschutz, dem Arbeitslosengeld, der Arbeits- und Sozialhilfe sowie im Renten- und Gesundheitssystem manifestiert werden. Während sich in anderen europäischen Ländern Widerstand regt und Generalstreiks durchgeführt werden, ist in der BRD nur zahmer Protest zu verspüren und die IG Metall erlebte mit ihrem ergebnislosen Streikabbruch in Ostdeutschland die wohl größte Niederlage ihrer Geschichte.
Zeit in die Gänge zu kommen, auch für die radikale Linke, die sich dem umfassenden Angriff von Seiten des Kapitals, wenn überhaupt, nur theoretisch stellt.
Bereits in der Mai-Ausgabe der barricada beschäftigten wir uns mit den konkreten Auswirkungen, die aus den Konzepten der Hartz und Rürup-Kommissionen resultieren. Unter dem Motto "Der Angriff auf die ArbeiterInnenklasse" fand im Vorfeld des diesjährigen revolutionären 1.Mai in Gostenhof auch eine Veranstaltung zum Thema statt, die gemeinsam von der organisierten autonomie (oa) und dem Netzwerk Betriebsarbeit organisiert wurde. Im folgenden Interview mit diesen beiden Gruppen wollen wir uns kritisch der Thematik stellen und fragen, wo konkrete Interventionsmöglichkeiten für die (radikale) Linke liegen und wie die Formen des Widerstands aussehen könnten.

Die Grundlage jedes Widerstandes, jeder Gegenwehr und jedes Handelns bildet eine genaue Analyse der bestehenden herrschenden Verhältnisse. Wie würdet ihr die derzeitigen Angriffe auf die ArbeiterInnenklasse und den Sozi­alstaat einschätzen?

Netzwerk: Wir verstehen die gegenwärtige Situation als Rückkehr zur "Normalität" des Kapitalismus. In Europa haben wir seit dem 2. Weltkrieg in einer gewissen Aus­nahmesituation gelebt. Es gab eine relative wirtschaftliche Aufwärtsentwicklung und der Lebensstandard der Bevölkerung ist teilweise deutlich gestiegen. Das Kapital konnte es sich leisten, die ArbeiterInnen in Europa an dem gestiegenen gesellschaftli­chen Reichtum teilhaben zu lassen. Dies geschah nicht aus humanitären Gründen, sondern musste von der Arbeiterklasse erkämpft werden, wie z.B. die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall im Streik der bayerischen Metaller 1957. Unabhängig davon, wie man die real existierenden sozialistischen Staaten und die antikolonialen Befreiungs­bewegungen einschätzt, hat diese Systemkonkurrenz sicher auch eine Rolle im Verhal­ten des Kapitals zur werktätigen Bevölkerung gespielt.

In diesen 50 Jahren ist die Entwicklung des Kapitalismus mit all ihren Widersprüchen weitergegangen. So hat sich z.B. die Umlaufgeschwindigkeit von Investitionen, Pro­duktion und Realisierung des Profits enorm beschleunigt. Das umlaufende Kapital hat sich dabei vervielfacht und die Konkurrenz verschärft. Selbst globale Großkonzerne, die im High-Tech-Bereich auf die falsche Technologie setzen oder die jeweils aktuelle zu langsam einführen, geraten ins Trudeln. Ohne den Kapitalismus hier in Gänze er­klären zu wollen, wird schon deutlich, dass diesem Prozess, der neuerdings Globalisierung genannt wird, etwas krisenhaftes innewohnt. Krisenbewältigung im Ka­pitalismus heißt aber nichts anderes als die Krisenlasten der arbeitenden Bevölkerung aufzubürden. Dies geschieht jetzt durch den Sozialabbau, der von einer nationalen Ko­alition aus Regierung, Opposition und Kapital durchgezogen wird.

oa: zentrales Merkmal der derzeitigen Angriffe ist die Gleichzeitigkeit auf unter­schiedlichen Ebenen und in den verschiedensten Bereichen, die nicht unabhängig von­einander gesehen werden können. In der Gesamtbetrachtung kann daher durchaus vom massivsten Einschnitt seit Bestehen der Bundesrepublik gesprochen werden. Der Angriff im Inneren, sprich Agenda 2010/Hartz/Rürup, vom Abbau erkämpfter Arbeite­rInnenrechte, der Angleichung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe sowie die Einschnitte im Gesundheits-, Bildungs- und Rentensystem, usw. gehen einher mit dem Ausbau des Repressions- und Überwachungsapparates und stehen im direkten Zusammen­hang mit Krieg und Militarisierung nach Aussen, weltweiten Bundeswehreinsätzen und dem Aufbau von Interventionsarmeen, was alles gleichzeitig geschieht. Die Entwick­lung ist allerdings auf keinen Fall neu bzw. überraschend, das was in der Kohl-Ära be­gonnen wurde, wird heute durch Sozialdemokratie und Grüne weitergeführt und aus­gebaut, wobei das Ende der Grausamkeiten noch längst nicht erreicht ist.

Nach dem Zusammenbruch des real-existierenden Sozialismus hat das Kapital seine Gangart verschärft, der globale und neoliberal ausgerichtete Kapitalismus wird als alternativlos propagiert. Soziale Rechte und erkämpfte Standards stehen dabei den global players und Monopolen nur im Weg, um ihre riesigen Gewinne zu maximieren und die maximale Ausbeutung der Lohnabhängigen voranzutreiben. Während jeder Ballast und jedes Risiko privatisiert werden soll, der Staat sich hier also zurückzieht, widmet er sich seiner ureigensten Aufgabe: Optimale Ausbeutungsbedingungen im Sinne des Kapitals zu schaffen und abzusichern. Was das im einzelnen bedeutet dürfte allen klar sein: Die Schere zwischen arm und reich wird sich mehr und mehr öffnen, schon heute verfügt ein halbes Prozent der Bevölkerung der BRD über ein Viertel des gesamten Geldvermögens, 10% über 50% des Vermögens. Durch die Umsetzung der Agenda/Hartz-Richtlinien wird nach aktuellen Studien die Zahl der Sozialhilfebeziehe­rInnen auf 4,5 Millionen Menschen steigen, jeder zehnte Minderjährige von Sozialhilfe abhängig. Reguläre Arbeitsverhältnisse werden durch prekäre Lohnarbeit, Leiharbeit und den Ausbau des Billiglohnsektors ersetzt, die Konkurrenz unter ArbeiterInnen wird sich verschärfen, Lohnarbeit als Fetisch oder Zwang noch mehr in den Lebensmittel­punkt rücken und das Leben jedes einzelnen der Verwertungslogik des Kapitals un­tergeordnet.

Selbst die Gewerkschaften mit ihrem sozialpartnerschaftlichen Kurs gegen­über Regierung und Kapital sehen sich heute an die Wand gedrängt. In der bürgerlichen Öffentlichkeit gelten sie als "Blockierer" und diejenigen als Re­former und Modernisierer, die die Kapitalinteressen am massivsten mitver­treten. Was ist vom Gewerkschaftsapparat als Interessensvertretung 2003 zu halten?

oa: Nun gut, vom Gewerkschaftsapparat und seiner Führung war in der BRD noch nie viel zu halten was Klassenkampf oder radikale Gesellschaftsveränderung betrifft. Der ADAC für Lohnabhängige wäre vielleicht die beste Bezeichnung, ohne dabei die vielen aktiven GewerkschafterInnen an der Basis angreifen zu wollen, die versuchen noch das Beste herauszuholen. Das Problem des Gewerkschaftsapparates und seiner Füh­rung war und ist seit jeher die Staatshörigkeit und enge Verquickung mit der SPD.

Nicht nur zu Wahlkampfzeiten steht die Gewerkschaftsführung hinter ihrer Partei und trägt damit aus sozialpartnerschaftlichem Verständnis gegenüber Regierung und Kapi­tal die Verschärfungen mit. Dass sich die SPD mit ihrem Kanzler und "Genossen der Bosse" längst auch nur als bürgerliche Interessensvertretung der Lohnabhängigen verabschiedet hat, spielt scheinbar kaum eine Rolle. Bei Hartz und Rürup durften die Gewerkschaften noch brav am Runden Tisch die Verschärfungen abnicken, zur Agenda wurden sie nicht einmal mehr gefragt. Laue Proteste waren die Folge, um zusammen mit dem Rest der "SPD-Linken" für den Erhalt des scheidenden Status Quo einzutre­ten. Ausbeutung durch Lohnarbeit im sozialstaatlichen Rahmen, die Propagierung der reaktionären Standortdebatte und des Ethos Arbeit als gesellschaftliche Existenzbe­rechtigung, obwohl sich auch in Gewerkschaftskreisen herumgesprochen haben sollte, dass die Produktion immer weniger Arbeit und Arbeitskräfte benötigt – zur Forderung nach Zwangsarbeit ist es da nicht mehr weit. Dass sich damit auch LeiharbeiterInnen, Arbeitslose und SozialhilfeempfängerInnen wenig angesprochen fühlen liegt auf der Hand.

Als staatstragender Funktionärsapparat ist die Gewerkschaft für uns kein Bündnispart­ner. Mit den kleinen, linken Basisinitiativen auch innerhalb der Gewerkschaften ist eine Zusammenarbeit möglich. Und auch in den Betrieben selbst kann es durchaus sinnvoll sein, die Struktur der Gewerkschaft zu nutzen und Betriebsgruppen zu gründen, um tatsächlich die Interessen der ArbeiterInnen im Betrieb zu vertreten. Dass dies natür­lich Grenzen hat und auch die Gefahr der Vereinnahmung durch den Apparat drohen kann, sollte bereits vorher grundlegend durchdacht werden. Als Alternative stünde der Aufbau radikaler Basisgewerkschaften an, ähnlich denen der COBAS in Italien, davon sind wir aber leider noch meilenweit entfernt.

Netzwerk: Das Netzwerk Betriebsarbeit versteht sich als offene, strömungsüber­greifende Gruppe. Bei uns gibt es durchaus unterschiedliche Erfahrungen und Mei­nungen zu den offiziellen Gewerkschaften. Insofern eure Frage nur auf die Funktionäre der Gewerkschaft abzielt, sind wir allerdings der Meinung, dass diese seit Bestehen der BRD noch nie die Interessen der ArbeiterInnen vertreten haben. Einzelne Vorzeigelinke im Gewerkschaftsapparat be­stätigen als Ausnahme nur die Regel.

Die Gewerkschaften verlieren an Bedeutung. Ob das nun gut oder eher schlecht ist, ist für uns noch nicht ausgemacht. Die Politik der Sozialpartnerschaft und des Co- Ma­nagements ist für die abhängig Beschäftigten nicht attraktiv, da diese ihnen immer nur neue Einschränkungen bringt. Insofern ist es gut, dass den VertreterInnen dieser Poli­tik die Mitglieder davonlaufen. Andererseits bedingt die Schwächung der Gewerkschaft ein Erstarken der KapitalistInnen, solange es keinen (anderweitigen) Widerstand gibt.

Ob die Gewerkschaft noch eine Zukunft hat, liegt an ihr selbst. Ohne eine grundsätzli­che Opposition zum herrschenden Kapitalismus und eine daraus erwachsende konse­quente Politik als Klassenorganisation wird sie ausgespielt haben.

Das Wort "Klassenkampf" ist heute selbst in der (radikalen)Linken kein un­umstrittener Begriff. Wo steht für euch die (radikale) Linke hierzulande im Punkto "Widerstand gegen die soziale Realität?“

Netzwerk: Die radikale Linke lebt teilweise in ihrer eigenen Realität, oder banal ge­sagt, sie hat sich zum Teil in der Nische einer Subkultur eingerichtet. Die politischen Aktivitäten orientieren sich oft an gesellschaftlichen Brennpunkten und wechselnden Bewegungen bzw. Themen (z.B. Antifa, Anti-Krieg, Castor). Der (all)tägliche Klassenkampf im Betrieb und auf den Ämtern ist weit weniger spektakulär. Allerdings gab und gibt es immer wieder Ansätze, sich in der sozialen Realität zu verankern und sich in Alltagskämpfen auf die Klassenfrage zu beziehen. Wir versuchen uns in der Klasse zu verankern, den Klassenkampf in der Gesellschaft voranzubringen und die notwendigen sozialen Kämpfe loszutreten.

oa: Als wahrnehmbarer gesellschaftlicher Faktor ist die (radikale) Linke über soziale Kämpfe in der Gesamtbetrachtung kaum vorhanden. Das liegt nicht unbedingt daran, dass ihre Themen von der Öffentlichkeit nicht aufgenommen werden, sondern dass es kaum soziale Kämpfe gibt, die von ihr angestoßen und durchgeführt werden. Statt dem Versuch, durch emanzipatorische, klassenkämpferische Praxis eine nur ansatz­weise Verankerung in der Bevölkerung/ArbeiterInnenklasse zu erlangen, spricht man lieber mit und über sich selbst. Statt konstruktiven, weiterführenden Theorie- und Pra­xisanstößen entstehen oft wahnwitzige und absurde Ideologie-Debatten jenseits jeder sozialen und alltäglichen Realität der Menschen. Viele verorten sich ausserhalb, weit weg von der Klassengesellschaft und richten sich damit schon mal gemütlich in der bürgerlichen Gesellschaft ein und im System, das man doch vorgibt zu bekämpfen.

Klar gibt es auch vereinzelte regionale Aktivitäten, dort von den Resten der K- und ML-Parteien, da von linken EinzelkämpferInnen im Betrieb, hier von autonomen und undogmatischen Linken. Im allgemeinen fehlt es aber sicherlich an AktivistInnen, die den politischen Kampf in ihren Lebensmittelpunkt rücken, es fehlen die Strukturen und es fehlt letztendlich die vermittelbare Perspektive, die über die Kritik am Bestehenden hinausgeht. Mit dem Klassenkampf von oben sind in letzter Zeit aber wieder verstärkt klassenkämpferische Debatten und praktische Anstösse zu vernehmen, so dass wir hoffen, zumindest mittelfristig den Status eines politischen Entwicklungslandes im Ver­gleich zu zahlreichen anderen europäischen Ländern zu überwinden.

Während in anderen Ländern Generalstreiks gegen die neoliberale Kürzungs- und Einsparungspolitik organisiert und angenommen werden, blieb es bis­weilen in der BRD trotz der massiven Angriffe weitestgehend ruhig. Warum geht kein Aufschrei durch die Masse von Menschen, die ja selbst von den An­griffen betroffen ist?

Netzwerk: Seid ihr sicher, dass es keinen Aufschrei gibt? Oder ist es nicht vielmehr so, dass es zwar Millionen Schreie gibt, diese aber ungehört verhallen, weil sie völlig isoliert auf der individuellen Ebene geschehen? Die Frage berührt viele verschiedene Ebenen, angefangen vom Zustand bzw. der gesellschaftlichen Wahrnehmbarkeit der (radikalen) Linken über die Kampferfahrungen und Traditionen der Klasse, die sich z.B. in Frankreich und Italien von denen hierzulande deutlich unterscheiden, bis hin zum unterschiedlichen Lebensstandard. Man darf nicht vergessen, dass wir hier – in­ternational gesehen – immer noch auf einer Insel des Wohlstandes leben. Wir können unsere beschränkten Erfahrungen sicher nicht verallgemeinern. Aber wir spüren in den Betrieben, wo wir aktiv sind, dass die Unzufriedenheit wächst. Wir sehen es als unsere Aufgabe, die individuellen Aufschreie zusammenzubringen und mit dieser gebündelten Kraft sich öffentlich sichtbar zu Wort zu melden.

oa: Dass bei vielen Unzufriedenheit herrscht, die für den Reichtum anderer schuften und immer mehr bezahlen sollen, steht ausser Frage. Ein Aufschrei ist es aber sicher­lich nicht. Doch woran liegt das? Gesellschaft, Umfeld und Sozialisation bestimmen die Entwicklung von Menschen. Eine ungeheuere Propaganda prasselt tagtäglich durch Schule, Uni, Arbeit, Politik und Medien auf uns ein, die neoliberale Politik des Sozialab­baus sei ohne Alternative, zum Kapitalismus gäbe es keine Alternative. Leistungs-, Arbeits- und Konkurrenzdenken werden von klein auf eingehämmert. Hierarchie und Dominanzdenken werden sozialisiert und propagiert, von patriarchalen Strukturen bis rassistischer Meinungsmache. Wie leicht ist es doch, den Schwächeren zu treten und wie schwer ist es, Widerstand gegen den Stärkeren zu leisten – zumal individuell, da jede/r für sich selbst verantwortlich ist, wie uns gesagt wird. Im Nationalismus und der Standortfrage sollen dann doch wieder alle zusammenstehen, wenn es darum geht, soziale Ungleichheit und Klassenwidersprüche zu kaschieren. Das System hat sich immer mehr perfektioniert. Der herrschende Diskursrahmen ist eng umgrenzt und von jeder wirklich abweichenden Meinung abgeriegelt. Selbst die Angleichung an die 35-Stunden-Woche scheint gegenüber der herrschenden Politik- und Medienmacht so illusorisch wie die Revolution. Die ArbeiterInnenklasse ist heute weder revolutionär noch links, selbst das Klassenbewußtsein selbst fehlt zumeist. Natürlich ist aufgrund der unzähligen Widersprüche ein Ausbruch möglich, meist individuell oder in kleinen Zusammenhängen, da die Strukturen für die Alternative nicht bestehen. Der National­sozialismus hat einen großen Teil linken Bewusstseins vernichtet, die BRD als NS-Nachfolger die Kommunistenjagd geerbt, in der DDR erlebten wir das Scheitern des Versuchs einer sozialistischen Gesellschaft und die 68er Bewegung stellt heute die bürgerliche Elite. Doch genau kontinuierliche Strukturen und Traditionen, wie sie in anderen Ländern existieren, wären von Nöten über Generationen das Klassenbewusst­sein und den Kampf weiterzutragen. So gilt es heute, die revolutionäre Seite gegen den scheinbar übermächtigen Feind neu aufzubauen, in der Sicherheit, dass der Kapi­talismus nicht das Ende der Geschichte ist.

Auch aus den großen globalisierungskritischen Protesten gegen kapitalis­tische Gipfeltreffen hat sich bisher kaum Widerstand auf landesweiter bzw. regionaler Ebene etablieren können. Welche Möglichkeiten der inhaltlichen und praktischen Intervention des Klassenkampfes von unten seht ihr denn?

Netzwerk: Mit der Anti-Globalisierungsbewegung gerät das kapitalistische Herr­schaftssystem als Ganzes endlich wieder ins Visier einer internationalen linken Bewe­gung. Gegen den global agierenden Kapitalismus und den Terror des Weltmarktes hilft nur eine sich international organisierende Kraft: Proletarier aller Länder vereinigt euch – der Aufruf von Marx und Engels von 1848 ist aktueller denn je. Allerdings gibt es in dieser Bewegung eine große Unsicherheit über die tatsächlichen Ursachen der bekämpften Auswüchse der globalen Marktwirtschaft. Möglichkeiten der Intervention im Klassenkampf vor Ort gibt es viele. Wir befürchten aber, dass ein Teil der GlobalisierungsgegnerInnen das noch gar nicht als seine/ ihre Aufgabe sieht.

oa: Die großen Proteste gegen die Gipfeltreffen haben mehrere zentrale Elemente: Sie schaffen es, wie schon gesagt, den Kapitalismus an sich wieder ins Zentrum der Kritik zu rücken, auch wenn ein Großteil der Bewegung reformistisch orientiert ist. Zum anderen erleben wir eine starke internationale Bewegung, die lernt Erfahrungen aus­zutauschen, Kämpfe miteinander in Verbindung setzt, sich gegenseitig unterstützt, von Chiapas über Indien bis Europa. Weiter schafft sie durch ihre spektakulären Massenmobilisierungen und militante Vorgehensweise sym­bolisch den Ausdruck, Widerstand ist machbar – gemeinsam, international und gegen alle Repressionen, egal wo. Und schließlich gerät die Kritik dadurch in den öffentlichen Fokus, zwar meist ge­filtert, aber die Bewegung steht wie keine andere im Rampenlicht. Sie lebt natürlich von den Basisbewegungen vor Ort, die in zahlreichen Ländern wieder stark in der Bevölkerung verankert sind, auch in Europa. Egal ob Frankreich, Italien, Spanien, dem Baskenland oder Griechen­land. Auch die radikale Linke hat dort ihre verankerten Strukturen. Die Organisationen selbst wachsen und versuchen über Sozialforen und Netzwerke gemeinsame Kampa­gnen und soziale Kämpfe durchzuführen. In Deutschland ist man allerdings davon noch weit entfernt. Zwar gibt es durchaus auch aus der radikalen Linken eine rege Be­teiligung an den internationalen Großdemonstrationen, die notwendige Aufgabe, Ba­sisgruppen vor Ort zu initiieren ist bislang nur wenig vollzogen. Selbst Organisierungs­ansätze mit gefestigten Strukturen/Infrastruktur auf lokaler Ebene sind keine Selbst­verständlichkeit, im Gegenteil, und auf überregionaler/bundesweiter Ebene herrscht gänzliche Stille. Hier liegen die zentralen Ansatzpunkte für die radikale Linke, vor Ort aktiv zu werden, sich zu vernetzen, in die Gesellschaft und Klasse zu wirken und sich auszuweiten.

Dazu gehört die Basisarbeit im Betrieb, an den Schulen und Unis, im Stadtteil, dort wo man lernt, arbeitet und lebt. Dazu gehört die eigene bereichsübergreifende Organisierung und dazu gehört auch die Durchführung von öffentlichkeitswirksamen Aktionen, um wahrnehmbar und greifbar zu werden.

Einzig der reformistische Flügel hat sich mit Attac in der BRD ein Netzwerk geschaffen, das allerdings mehr einem aufgeblähten Öffentlichkeitsapparat entspricht, als einer vor Ort in der Klasse verankerten Vernetzung. Ihre Zukunft besteht wohl darin, die Nachfolge der Grünen anzutreten und irgendwann in der bürgerlichen Demokratie auf­zugehen.

Bei jeder Intervention stellt sich auch die Frage der Strategie und Organisierung politischen Handelns. In den vergangenen Jahrzehnten hat die Linke so einiges versucht. Aus den unterschiedlichen Ansätzen und dem heu­tigen Erfahrungsschatz müsste doch eigentlich zu lernen sein, eine erfolgver­sprechende Strategie und Organisierungsform zu entwickeln. Welche prak­tischen Erfahrungen und Modelle habt ihr denn für euch im Kopf und wie se­hen eure zentralen Ansätze der politischen Intervention aus?

oa: Zentral in unserem Konzept ist der zunächst noch lokale Organisationsansatz. In den vergangenen Jahren haben wir diesen kontinuierlich ausgebaut und ausgeweitet. Im Verhältnis zu dem, was angebracht wäre, sind es allerdings wie gesagt nur An­sätze. Auf der politischen Ebene versuchen wir durch eigene Aktionen und in Bündnis­sen, eigenen Publikationen und offensiver Medienarbeit aus der Marginalität herauszu­kommen, auf die Bewegungen einzuwirken und Menschen zum Denken und Handeln zu bewegen, auch durch Jugend- und Strukturarbeit. Auf der theoretischen Ebene ver­suchen wir uns selbst zu bilden, einen kollektiven Prozess einzuleiten, inhaltliche Grundpfeiler herauszuarbeiten und das eigene Wissen weiterzutragen. Nicht zuletzt schließlich der Kampf in der sozialen Realität, im Betrieb und im Stadtteil, die Basis­arbeit also, ein zäher und schwieriger Bereich, der langfristig angelegt ist. Natürlich kommt uns dabei zu Gute, dass sich AktivistInnen aus unterschiedlichen Generationen und Kämpfen in der oa organisieren, vom Häuserkampf, der Autonomen- und Jobber­bewegung der 80er Jahre, der autonomen Antifa-Bewegung der 90er, von "alten Ha­sen" aus ML-Zeiten bis hin zu den ganz Jungen, die jeweils ihre Erfahrungen mitein­bringen und in den jeweiligen Bereichen arbeiten. Von einer Verankerung kann natür­lich keine Rede sein. Wie gesagt, es sind Ansätze, auf denen aufgebaut werden kann.

Netzwerk: Die Kunst besteht darin, aus der Geschichte zu lernen mit dem Wissen, dass sich die Geschichte nicht wiederholt. Wir haben uns vorgenommen, die vielfäl­tigen Erfahrungen der radikalen Linken mit betrieblichen und sozialen Kämpfen auszu­werten und in unsere Arbeit miteinfließen zu lassen. Wichtig ist uns, dass bei all der mühsamen Kleinarbeit nicht der Blick fürs Wesentliche verstellt wird: das herrschende System der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, der Konkurrenz und des Profitstrebens gehört auf den Müllhaufen der Geschichte! Neben der notwendigen theoretischen Arbeit halten wir die Verankerung in den Betrieben und das Führen von konkreten Kämpfen für ein zentrales Moment. Ein praktisches Beispiel für unsere Arbeit war die Solidaritätskampagne gegen die Entlassung des Betriebsrates bei der Druckverarbeitung Nürnberg (DVN). Hier konnten wir auch wegen unserer unkon­ventionellen Methoden den bemerkenswerten Erfolg erzielen, dass das bekannt arbeit­geberfreundliche Arbeitsgericht Nürnberg der Wiedereinstellung zustimmen musste.

Unsere Arbeit in den Betrieben bei der Organisierung der KollegInnen besteht aus tausend kleinen Schritten, die häufig im Verborgenen stattfinden. So ist es notwendig, die Leute zusammenzubringen, ihnen zu vermitteln, dass es richtig und möglich ist, aufzustehen und gegen die herrschende Konkurrenz Kollektivität und Solidarität zu setzen. Dies und das Vertrauen auf die eigene Kraft sind Voraussetzungen, um später zu politisch sichtbaren Aktionen wie Streiks und Demos zu kommen. Die Vernetzung von unten unter Nutzung des Internets halten wir für einen wesentlichen Schritt bei dieser Arbeit. Wichtige Vorteile der Vernetzung sind die ungemein schnelle Ver­breitung von (auch unerwünschten) Informationen, der direkte Austausch von In­formationen und die Kommunikationsmöglichkeit räumlich getrennter Belegschaften und Individuen. Dies geschieht ohne Kontrolle durch den Gewerkschaftsapparat und die Firmenleitung. Die Hemmschwelle im Internet aktiv zu werden ist relativ niedrig. Damit werden Individualisierung, Konkurrenz- und Stellvertreterdenken durchbrochen zugunsten einer selbstbewussten Klasse, die über den Kreis der üblichen AktivistInnen hinausgehen wird.

Was erwartet ihr für die Zukunft?

oa: Das gesellschaftliche Klima und der Klassenkampf von Oben werden sich weiter verschärfen, dadurch werden aber auch die Widersprüche und die Unzufriedenheit wachsen, die es gilt, aufzunehmen und zu bündeln, um daraus die Organisierung von Widerstand voranzutreiben, sich zu verankern, in allen Bereichen und mit einer Sys­tem- und Gesellschaftskritik, aus der heraus die Perspektive für die Abschaffung des Kapitalismus hin zu einer freien, kommunistischen Gesellschaft wächst. Ihr seht, es gibt eine Menge zu tun und alle sind aufgefordert, sich daran zu beteiligen.

Netzwerk: Für uns das übliche Angebot: einen gutdotierten Posten im Gewerk­schaftsapparat, eine 6-stellige Abfindung, – da wir das nicht annehmen werden – Streß, Ärger und Repression. Unser Ausblick: Klassenkampf und soziale Revolution.

drucken | 30. Juli 2006 | organisierte autonomie (OA)