Die empresas recuperadas

eine argentinische Geschichte der ArbeiterInnenbewegung

Buchvorstellung und Erfahrungsbericht aus 5 Jahren Kampf und Selbstbestimmung.


Fr. 29.06.07 | 20:00 Uhr, Stadtteilladen Schwarze Katze


Die empreas recuperdas empresas recuperadas y gestionadas por sus trabajadores – damit werden in Argentinien Betriebe bezeichnet, die von ihren Arbeitern übernommen worden sind und von diesen in Form einer Kooperative selbstverwaltet ganz ohne Chefs weitergeführt wurden. Ein Phänomen, das eng mit den Wirren um die wirtschaftliche und gesellschaftliche Krise in Argentinien verbunden ist. Diese Betriebe wurden zum Symbol einer neuen, nicht vom Profitdenken regierten Gesellschaft sowohl in Argentinien als auch im Rest der Welt.

Heute gibt es ca. 200 besetzte Betriebe in Argentinien, die sich in fast allen Sektoren von der Metallverarbeitung über die Lebensmittelindustrie, Textilindustrie bis hin zu Dienstleistungen im Gesundheitssektor oder dem Hotelgewerbe finden lassen. Jeder dieser Betriebe hat seine eigene Geschichte, so dass sechs Jahre nach der vieltönigen Revolte keine einheitliche Entwicklung der Betriebe ausgemacht werden kann. Die Entwicklungslinien jedes einzelnen Betriebes sind bestimmt durch zwei Faktoren: Die Subjektivität der ArbeiterInnen und die Objektivität der gesellschaftlichen Verhältnisse. Beide Aspekte bergen Herausforderungen und begründen damit die Unterschiedlichkeit der Entwicklung. Objektiv galt (und gilt) es ohne jede Form der Absicherung vielfach, Schrott in verwertbares Kapital zu verwandeln, um anschließend dem kapitalistischen Wettbewerb standhalten zu können. Subjektiv galt es, Ängste zu überwinden und die Herausforderung der Selbstbestimmung aktiv anzunehmen. Die ArbeiterInnen der besetzten Betriebe haben den Kampf gegen die Entwürdigung ihres Lebens aufgenommen.

Einer dieser Betriebe ist Chilavert. Eine Druckerei in Buenos Aires. Sie nahm ihren Betrieb nach einer siebenmonatigen Besetzung im Oktober 2002 auf. Am 4. April 2002 entschieden sich die Arbeiter, nachdem der Eigentümer versucht hatte, die Druckerei leer zu räumen, die Nacht in der Druckerei zu verbringen. Sie wussten in diesem Moment nicht, dass damit etwas neues beginnen würde.

Mehr als sieben Monate verbrachten sie in der Druckerei ohne Strom, Gas oder Telefon. Während dieser Zeit erhielten sie Unterstützung durch Nachbarn, asambleas barriales, andere empresas recuperadas, Arbeiter, Studenten und viele soziale Bewegungen. Am 17. Oktober 2002, nach einem langen, pausenlosen Kampf erhielten sie dank eines Gesetzes, welches im Stadtparlament verabschiedet wurde, ein Nutzungsrecht für 24 Monate. Am 25. November 2004 schließlich wurde diese vorübergehende Enteignung in eine endgültige Enteignung umgewandelt. Chilavert war damit eine der ersten Fabriken in Buenos Aires, die enteignet wurde.

Die Arbeiter von Chilavert sagen, dass sie dies erreichten, weil sie gezeigt haben, dass Arbeiter fähig sind, selbst bestimmt einen Betrieb zu führen. Dank der gegenseitigen Solidarität, aber auch der Unterstützung vieler unterschiedlicher gesellschaftlicher Kreise, ist es sogar gelungen, weit mehr als „nur“ die Aufnahme der Produktion zu realisieren.

Nach fünf Jahren Arbeiterselbstverwaltung ist es nun auch für viele Arbeiter an der Zeit gewesen, ein Fazit zu ziehen. Zusammen mit dem Fotografen und Journalisten Andrés Lofiego, welcher schon seit Jahren die Bewegung begleitet, haben die Arbeiter von Chilavert nun einen Bildband herausgebracht.

Auf 64 Seiten werden Eindrücke aus fünf Jahren Arbeiterselbstverwaltung in Argentinien vermittelt. Dabei greift der Autor nicht nur auf die Sprache der Bilder zurück, er zeigt mit vielen Zitaten das Innenleben der Fabriken, aber vor allem auch der ArbeiterInnen. Mit diesen Bildern will er einen, wie er sagt, „Blick aus den selbstverwalteten Fabriken“ (una mirada desde las fabricas autogestionadas) werfen.

In einer Vortragsreise durch Europa, mit Stationen in Italien, Deutschland, Polen, England und Spanien, möchte der Autor zusammen mit einem Arbeiter von Chilavert diesen Blick aus den Fabriken heraus auch hier bei uns wagen und aufzeigen, dass eine andere Welt möglich ist, dass die ArbeiteInnen in Argentinien einen Weg gefunden haben sich gegen ihre Ausbeutung und gegen Arbeitslosigkeit zu wehren.

drucken | 11. Juni 2007 | organisierte autonomie (OA)

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Samstag, 16.10.2021

United against repression: Demo am 16. Oktober um 14:30 Uhr am Veit-Stoß-Platz

Folgenden Demoaufruf geben wir gerne an euch weiter. Teilt ihn und verbreitet ihn: Ob Nürnberg, bundesweit oder international – United against repression! Freiheit für Jan! Der jüngste Jamnitzer-Prozess gegen unsere beiden Genossen ist nun abgeschlossen. Während einer der Angeklagten im Berufungsprozess Anfang Februar eine Geldstrafe und 10 Monate Knaststrafe auf 3 Jahre Bewährung bekommen hat, wurde vom anderen Angeklagten in Revision gegangen. Die Revision wurde nun vom Oberlandesgericht München abgelehnt, somit wird eine Haftstrafe von einem Jahr und zwei Monaten rechtskräftig. Zur Erinnerung: Der Jamnitzer Platz in Nürnberg ist ein Ort, wo sich die Widersprüche und Konflikte besonders stark zeigen, die der Gentrifizierungsprozess im Viertel mit sich bringt. Kontrollen und Schikanen durch die Polizei stehen dort auf der Tagesordnung. Zum Prozess kam es, nachdem sich nach einer weiteren Polizeimaßnahme spontan eine Menschenmenge solidarisiert hatte und sich die Cops daraufhin zurückziehen musste. Einem der Angeklagten wurde Rädelsführerschaft, dem Anderen Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Beleidigung vorgeworfen. Seitens Staatsanwaltschaft, Staatsschutz und Polizei wurde der Prozess höchst politisch geführt. Ein klarer Verurteilungswille wurde mitunter dadurch deutlich, dass einer der Angeklagten an besagtem Abend nicht mal vor Ort war. Dafür gab es einen glaubwürdigen Zeugen, doch dies hielt die Justiz nicht davon ab, ein hartes Urteil zu sprechen. Zwei Schuldige mussten her, an denen ein Exempel statuiert werden konnte. Dieser Fall steht exemplarisch für eine Entwicklung, die sich weltweit abzeichnet: Linke Aktivist*innen werden kriminalisiert und müssen mit Repression rechnen, allein weil sie die bestehenden Verhältnisse ankreiden und sich für eine befreite Gesellschaft einsetzen. Dabei kommen teils absurde Mittel und immer repressivere Methoden zum Einsatz. Bayern erfüllt immer wieder eine Vorreiterrolle für eine bundesweite Verschärfung der Polizeiaufgabengesetze, Lina in Leipzig wird im Heli abgeholt, 1. Mai-Demos auf der ganzen Welt werden brutal aufgelöst, in Kolumbien wird auf Demonstrierende geschossen. Der Staat scheut keine Mittel, die bestehende Ordnung aufrecht- und linke und emanzipatorische Proteste kleinzuhalten. Wir sind weiterhin solidarisch mit Jan und allen anderen, die Aufgrund ihres Aktivismus, ihres Aussehens, ihrer Herkunft, ihrer Armut, ihres Geschlechts oder anderen Gründen zur Zielscheibe der Polizei werden. Unsere Antwort auf diese besorgniserregenden Entwicklungen war, ist und bleibt unsere uneingeschränkte Solidarität mit allen Kämpfen und Kämpfenden gegen die rassistische und sexistische Klassengesellschaft. Nur mit vereinten Kräften können wir diesen überwinden und gemeinsam werden wir unsere Wut auf die Straße tragen. Denn wir lassen uns nicht einschüchtern und stehen weiterhin solidarisch füreinander ein – jetzt erst recht! Kommt mit uns zusammen auf die Straße – gegen jede Form von Herrschaft und Unterdrückung und für eine Welt, in der wir alle gewaltfrei leben können! Freiheit für Jan und alle Anderen!